Was zu sagen haben: Von A wie Authentisch bis Z wie Zensur und zurück

Ein Digitelling von Jamie Marlok und Claire Wenzler (2026)

Ich finde, dieses Festlegen auf eine Identität, das ist für mich nicht stimmig, dass man immer „das Selbst“ sein muss, das einzige Selbst.

Annegret Soltau

Annegret Soltau

Abb. 2: Annegret Soltau: Mutterglück, 1986, Fotovernähung, 12 x 9 cm (Stand: 06.07.2026)
Abb. 2: Annegret Soltau: Mutterglück, 1986, Fotovernähung, 12 x 9 cm (Stand: 06.07.2026)

Ausprobieren

Annegret Soltau macht Kunst nicht über andere, sondern arbeitet mit ihren eigenen Erfahrungen, setzt dafür ihren eigenen Körper ein und entwickelt eigene Techniken.

Sie probiert viele künstlerische Techniken aus und entwickelt im Bereich der Fotografie sogar neue Techniken: Fotoradierungen und Fotovernähungen. Dadurch erweitert sie die Grenzen der Fotografie. Gleichzeitig enthalten beide Techniken einen zerstörerischen Anteil, indem sie Fotos zerritzt, zerreißt oder mit einer Nadel durchsticht.

Abb. 3: Annegret Soltau: Schwanger, 1980 – 1981, Fotoradierung, 156 x 186 cm (Stand: 06.07.2026)
Abb. 3: Annegret Soltau: Schwanger, 1980 – 1981, Fotoradierung, 156 x 186 cm (Stand: 06.07.2026)

Autobiografisch & Authentisch

Annegret Soltau zeigt Zweifel, Zwiespalt, einschneidende Erfahrungen, Brüche. Nicht um zu provozieren, sondern um diese überhaupt sichtbar zu machen. Viele ihrer Themen waren damals tabu oder sind es noch heute. Außerdem zeigt sie ihren (nackten) Körper, ohne ihn zu beschönigen oder zu verstecken.

Annegret Soltau machte mit ihrer Kunst auch weiter als sie Mutter wurde. Zu dieser Zeit vertraten viele Künstlerinnen die Meinung, dass Mutterschaft und Kunst nicht zusammenpassen: Entweder man wird Künstlerin oder man wird Mutter – beides geht angeblich nicht. Annegret Soltau ließ sich nicht zu einer Entscheidung zwingen und nahm die Themen Schwangerschaft und Mutterschaft sogar in ihre Kunst auf. Auch während ihrer Schwangerschaften macht sie Kunst mit und über ihren Körper, zeigt körperliche Veränderungen und innere Gefühle.

Diese Ehrlichkeit macht ihre Kunst verletzlich und ist gleichzeitig eine der großen Stärken von Annegret Soltau.

Reflexionsfrage

Welche Seiten von dir zeigst du und welche bleiben normalerweise unsichtbar?

Zensur

Immer mehr internationale Museen erkennen den künstlerischen Beitrag von Annegret Soltau und nehmen Werke in ihre Sammlungen auf. Trotzdem hatte ihre Kunst bisher nur eine geringe Reichweite. Ein großes Hindernis besteht darin, dass ihre Werke in der Vergangenheit immer wieder zensiert wurden.

Die Zensur bestand z. B. darin, dass ein Verleger die Veröffentlichung ihrer Bilder in einem Buch verhinderte. Außerdem wurden ihre Bilder in mehreren Ausstellungen abgehängt oder verhüllt, zuletzt im Jahr 2011.

Zensiert wurden die Bilder unter dem Vorwand der Sorge um das Publikum. Die Bilder wurden demnach als etwas gesehen, vor dem Menschen geschützt werden müssten.

Besonders häufig zensiert wurde ihr folgendes Werk „generativ – Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter“ aus dem Jahr 1994.

Was ist überhaupt auf dem Bild zu sehen?

Abb. 4: Annegret Soltau: generativ – Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter“, 1994, Fotovernähung, 262 x 381 cm
Abb. 4: Annegret Soltau: generativ – Selbst mit Tochter, Mutter und Großmutter“, 1994, Fotovernähung, 262 x 381 cm

Abgebildet sind 4 nackte Frauen: Annegret Soltau mit ihrer Tochter, Mutter und Großmutter. Sie stehen frontal aufgereiht im Zentrum des Bilds, gut ausgeleuchtet vor einem neutralen Hintergrund. Annegret Soltau hat bei jeder der Frauen Gesicht und Brust herausgerissen und auf einen anderen der Körper genäht, sodass alte und junge Körper miteinander vermischt sind. Nicht nur diese Risse und Nähte sind ganz klar zu sehen, sondern auch Hautfalten, hervorstehende Adern, Verletzungen, Pigmentflecken und Körperbehaarung.

Das Bild macht die Lebenserfahrung der Frauen und die Spuren, die sie auf den Körpern hinterlässt, sichtbar. Die Aufmerksamkeit ist beim Betrachten ganz auf die unperfekten Körper gerichtet. Nichts lenkt von ihnen ab. Sie verstecken sich nicht hinter Schönheitsidealen, Filtern oder Posen.

Das junge Mädchen trägt schon den alten Körper, die alte Frau noch den jungen Körper in sich.

Annegret Soltau

Was ist erlaubt? Was ist normal?

Welche Körperbilder „erlaubt“ sind und welche als „Zumutung“ gelten, hat starke Auswirkungen darauf, welche Bilder für uns alltäglich sind und wie wir uns Körper vorstellen. Das kann so weit gehen, dass es für uns ungewohnt ist, unperfekte Körper zu sehen. So werden Bilder von perfektionierten Körpern langsam zu einer gesellschaftlichen Norm, obwohl die meisten Menschen gar nicht so aussehen.

Reflexionsfrage

Welche Körperbilder werden durch eine solche Zensur unsichtbar?

Und wie beeinflusst Zensur unser Bild von „normalen“ Körpern?

Vatersuche

Annegret Soltau wurde 1946 als uneheliches Kind geboren. Ihre Mutter schämt sich dafür, die gesellschaftliche Erwartung verheirateter Eltern nicht zu erfüllen, und schweigt über den Vater. Lange Zeit erfährt Annegret Soltau nichts über ihn. Als sie beginnt nach ihm zu suchen, bekommt sie von ihrer Mutter nur einen Namen und ein Bild des Vaters. Mit so wenigen Informationen ist es für Annegret Soltau bis heute nicht möglich gewesen, ihren Vater zu finden. In ihrer Werkreihe „Vatersuche“ verarbeitet sie ihre Sucherfahrung zu Kunstwerken.

Abb. 5: Annegret Soltau: Vatersuche, XXXXXXIX 22.11.2007, 2007, Fotovernähung, 38 x 25.5 cm (Stand: 06.07.2026)
Abb. 5: Annegret Soltau: Vatersuche, XXXXXXIX 22.11.2007, 2007, Fotovernähung, 38 x 25.5 cm (Stand: 06.07.2026)

Reflexionsfrage

Welche Geschichten bleiben unerzählt, weil sie nicht in gesellschaftliche Vorstellungen passen?

Exkurs: Wie ist das auf Social Media?

Vielleicht hast du bei dem Thema, welche Körperbilder uns normalisiert oder ungewohnt vorkommen, direkt an Social Media gedacht. Hier wirken sich gesellschaftliche Normen ebenfalls darauf aus, was wir zu sehen bekommen.

Das zeigt sich darin, dass Social Media-Plattformen die Regeln festlegen, was für Bilder dort erlaubt sind. Verstoßen Bilder gegen diese Richtlinie, werden sie von Instagram gelöscht.

Nacktdarstellungen sind auf Instagram nicht erlaubt.

Instagram in den FAQ zu den Gemeinschaftsrichtlinien vom 19.04.2018

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Sind auf einem Bild beispielsweise nackte Nippel zu sehen, verstößt es gegen die Richtlinie der Plattform. In dem Verbot geht es allerdings nur um die „weibliche“ Brust (Stand: 2026). Was sichtbar sein darf und was nicht, macht Instagram also nicht nur am Körperteil fest, sondern auch am Geschlecht. Was erlaubt ist und was nicht, ist dadurch je nach Geschlecht anders.

Abb. 6: @happilyequalafter: 07. Dezember 2026: Instagram-Beitrag (Stand: 06.07.2026)

Die gesellschaftlichen Vorstellungen davon, wie Körper auszusehen hätten, sorgen für Druck bei der Selbstdarstellung. Dadurch, dass sie Bilder und Konten löscht, kann die Plattform ihre Regeln mit Zwang durchsetzen.

Abb. 7: Petra Collins (2013): Censorship and The Female Body. In: petra-collins.com (Stand: 06.07.2026)
Abb. 7: Petra Collins (2013): Censorship and The Female Body. In: petra-collins.com (Stand: 06.07.2026)

Wird ein Bild häufig gemeldet, kann es auch zur Löschung kommen, selbst wenn gar kein Verstoß gegen die geltenden Richtlinien vorliegt. Das ist 2013 der Künstlerin Petra Collins passiert. Nachdem ein Bild von ihr im Bikini – mit sichtbaren Intimhaaren – gemeldet wurde, löschte Instagram gleich ihr ganzes Konto. Darauf reagierte sie mit einem öffentlichen Statement, in dem sie die herrschende Doppelmoral kritisiert und sich gegen Zensur ausspricht.

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Wenn nur noch bestimmte Körperbilder zu sehen sind, besteht die Gefahr, dass Bilder von unperfektionierten Körpern viel Hass auf sich ziehen, einfach nur weil sie ungewohnt sind. Wer keine Löschung oder Hate-Kommentare riskieren möchte, steht unter Druck sich anzupassen. Wenn Personen sich nur noch so ausdrücken, dass sie gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen, entsteht ein Teufelskreis.

Abb. 8: @landmaedchen_: 20. Juni 2020, Instagram-Beitrag (Stand: 06.07.2026).

Tagesdiagramme

Selbstausdruck muss aber nicht unbedingt vor Publikum geschehen. Auch Annegret Soltau hat Kunstwerke erschaffen, die zunächst nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren.

Während ihrer Schwangerschaft hielt sie ihre Gefühle, Gedanken und Erfahrungen in einer Reihe von bunten Tagesdiagrammen fest. Das macht sie zu sehr intimen Einblicken in das Leben von Annegret Soltau. Für Außenstehende ist es trotzdem unmöglich die Tagesdiagramme zu verstehen.

Abb. 9: Annegret Soltau: Tages-Diagramme 7.7.77, 1977, Aquarell, Permanentliner-Zeichnungen, Schreibmaschinentext, 29.7 x 21 cm (Stand: 06.07.2026)
Abb. 9: Annegret Soltau: Tages-Diagramme 7.7.77, 1977, Aquarell, Permanentliner-Zeichnungen, Schreibmaschinentext, 29.7 x 21 cm (Stand: 06.07.2026)

Reflexionsfrage

Muss das, was ich ausdrücke, immer für andere Sinn ergeben?

Einen eigenen Weg finden

Abb. 10: Wortwolke zu Anngret Soltaus Kunst.

Annegret Soltaus Kunst ist vielfältig. Sie zeigt nicht nur menschliche Erfahrungen, sondern auch: Wir dürfen uns ausprobieren und müssen nicht verstanden werden. Wir müssen uns nicht auf eine Art festlegen, wie wir uns ausdrücken wollen.

Inspirieren und inspiriert werden

Sie inspiriert andere dazu, ihre Techniken aufzugreifen und eigene Kunst zu machen.
#annegretsoltau

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Abb. 11: @ei.gen.art: 29. April 2026, Instagram-Beitrag (Stand: 06.07.2026).

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Abb. 12: @jessica_photography_art: 12. April 2026: Instagram-Beitrag (Stand: 12.01.2026).

Und du?

Authentizität entsteht nicht durch Mut zur Öffentlichkeit, sondern durch Ehrlichkeit sich selbst gegenüber.

Probiere gerne aus, wie du dich ausdrücken möchtest:

  • Mach etwas nur für dich
  • Mach etwas, um es mit anderen zu teilen
  • Mach etwas Unfertiges

Egal welche Techniken du nutzt – Schreiben, Collage, Fotografie oder Zeichnen, Dokumentieren, Experimentieren oder Verwerfen – das wichtigste ist, dass du einen Weg findest, mit dem du dich wohlfühlst und das ausdrücken kannst, was du zu sagen hast.

Literatur:

  • Grosser, Svenja: Annegret Soltau im Kontext der feministischen Avantgarde, S. 15–29, in: Unzensiert. Annegret Soltau: Eine Retrospektive, hg. von Svenja Grosser. München: Hirmer 2025.
  • Instagram: FAQ zu den Gemeinschaftsrichtlinien vom 19.04.2018, in: https://about.instagram.com/de-de/blog/announcements/instagram-community-guidelines-faqs (Stand: 03.02.2026)
  • Kampmann, Sabine: Arbeit am Generationengefüge: Die fotografischen Körper der Annegret Soltau, S. 253–267, in: »Für Dein Alter siehst Du gut aus!«: Von der Un/Sichtbarkeit des alternden Körpers im Horizont des demographischen Wandels. Multidisziplinäre Perspektiven, hg. von Sabine Mehlmann und Sigrid Ruby. Bielefeld: transcript 2010.
  • Kampmann, Sabine: Schwangerschaft, Geburt und Muttersein im Werk Annegret Soltaus, S. 63–75, in: Unzensiert. Annegret Soltau: Eine Retrospektive, hg. von Svenja Grosser. München: Hirmer 2025.
  • Kohout, Annekathrin: Netzfeminismus: Strategien weiblicher Bildpolitik. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2020.
  • Schmidt, Kathrin: Annegret Soltau – ich selbst, S. 8–15, in: Seitenblicke: Sichtweisen auf das Werk von Annegret Soltau, hg. von Magistrat der Stadt Darmstadt, Presse- und Informationsamt. Darmstadt 2009.
  • Städel Museum (2015): Unzensiert. Annegret Soltau – Eine Retrospektive [Video] Online: https://www.youtube.com/watch?v=sQd1BnFW8hE (Stand: 08.01.2026)

Bildnachweise: