Laufendes Habilitationsprojekt

Auf der ‚anderen’ Seite: El Estrecho de Gibraltar. Grenzgeografien, Migration und Identitätspolitik in der zeitgenössischen Kunst

Seit den 90er Jahren etabliert sich durch Aufnahmen von MigrantInnen und den unmenschlichen Bedingungen ihrer Reise auf der Mittelmeerroute, eine mediale Berichterstattung, die überwiegend konservativen Politiken zuspielt. Parallel dazu wurde das Genre des Dokumentarischen in der künstlerischen Produktion essentiell, um auf gesellschaftlich als Problem markierte Bereiche aufmerksam zu machen (Nail 2019: 61). Die Historie, gleichermaßen geprägt von Austausch und Konflikt, die besondere geographische Konstellation, die sich aus der Meeresenge von Gibraltar ergibt und nicht zuletzt die beispielhafte Etablierung eines europäischen Grenzregimes seit dem Schengen-Abkommen (1991), bedingen die Komplexität der spanisch-marokkanischen Grenze als Forschungsgegenstand.

Das Konzept der Grenze soll als produktiver Raum analysiert werden, um zu fragen, wie Künstler*innen Grenze rezipieren, erforschen und verhandeln. Fokussiert werden Videoarbeiten, welche die spanisch-marokkanische Grenze thematisieren: Leila Kilanis Film Le rêve des brûleurs (2002), Ursula Biemanns Videoessay Europlex (2003), Yto Barradas La Contrebandière (2006), Rogelio Lopez Cuencas Walls (2006), Antoni Muntadas On Translation: Miedo/Jauf (2007), The Mapping Journey Project (2008-2011) von Bouchra Khalili, Matthias Kisperts Arbeit No More Beyond (2017) und Randa Maroufis Film Bab Septa (2019). Der Film soll jedoch nicht auf die Ästhetik eines künstlerischen Mediums reduziert, sondern vielmehr als Mittel gesellschaftlicher Auseinandersetzung, sozialen Handelns und der Umdeutung politischer Diskurse verstanden werden. Anhand des Konvoluts wird gefragt: Wie wird die Verknüpfung von Geografie, Globalisierung und Migration spezifisch am Beispiel der marokkanisch-spanischen Grenze durch Medienkunst verhandelt? Welche Rolle spielt Kunst, sowohl die Produktion als auch ihre Rezeption, im Kontext konservativer Politiken? Welche neuen Verhandlungsansätze und Perspektiven können durch Kunst hervorgebracht werden? Inwieweit können künstlerische Arbeiten eine Plattform alternativer Bildproduktion bieten oder reproduzieren und fixieren diese die voyeuristische und sozial-deterministische Dimension des Dokumentarischen?

Im Projekt wird die sich verändernde Konzeption von Grenze und deren Visualisierung anhand der benannten Werke ausgearbeitet. Dabei koexistieren das Verständnis der Grenze als klar definierte Machtlinie, Begründung und Stabilisator von Herrschaftsverhältnissen, als third space (Bhabha 2000), als Regime und als Raum der Kontrolle und Überwachung, der sich durch die Figur der MigrantInnen und deren grenzüberschreitende Bewegung auszeichnet (Schimanski und Wolfe 2017). Der performative Charakter des Durchquerens dient als Reflexions- und Ausgangspunkt, um gesellschaftlich etablierte Dualitäten zu hinterfragen. So wird nicht nur die Konstruiertheit der Grenze, sondern auch die Figuration der MigrantInnen aus einer postmigrantischen Perspektive von den zugeschriebenen statischen Charakteristika losgelöst und durch Mobilität neu definiert, verstanden und reflektiert (Drogramaci 2019: 10). Kunst bildet eine oftmals zu Unrecht vernachlässigte, äußerst produktive Verhandlungsebene für soziopolitische Themen, wie sich vor allem in der dokumentarischen Medienkunst zeigt. In Anbetracht der Verknüpfung von Grenzen und Migration, verstanden als Oppositionen von Statik und Mobilität, dient das bewegte Bild in der künstlerischen Produktion als Verhandlungsebene par excellence.