Diss_Hiebert_Grun

Abgeschlossene Promotion

Irina Hiebert Grun: Strategien der Einverleibung – Die Rezeption der Antropofagia in der zeitgenössischen brasilianischen Kunst

Gegenstand der Dissertation ist eine Analyse der brasilianischen Gegenwartskunst im Hinblick auf ihre Rezeption der Antropofagia, eines im brasilianischen Modernismus der 1920er Jahre begründeten postkolonialen Konzepts, das eine gattungsübergreifende kulturelle Bewegung theoretisierte. Ausgehend von dem Bedürfnis nach einer Emanzipation von europäischer Dominanz und der Definition einer eigenständigen brasilianischen Identität, forderte der Schriftsteller Oswald de Andrade in seinem 1928 erschienenen Anthropophagen Manifest die brasilianischen Kulturschaffenden dazu auf, die Haltung des Anthropophagen anzunehmen: Indem europäische Einflüsse in einem selbstbewussten Akt verschlungen und durch die Vermischung mit lokalen Traditionen transformiert werden, sollte ein spezifisch brasilianisches und zugleich hybrides kulturelles Produkt ausgeschieden werden. De Andrade vollzieht mit seiner Strategie der Einverleibung eine Umkehrung der herkömmlichen Bedeutung der Figur des Kannibalen: Wurde die Anthropophagie im Zuge des Kolonialismus zur stereotypen Charakterisierung der Menschen in der ‚Neuen Welt‘ genutzt, um deren Unterwerfung zu legitimieren und so eine Distanz zur eigenen ‚zivilisierten‘ Gesellschaft herzustellen, hinterfragt de Andrade mit seiner metaphorischen Wendung des Begriffes hegemonial geprägte Dichotomien wie Eigen/Fremd, Zivilisation/Wildheit oder Zentrum/Peripherie zugunsten eines schöpferischen Umgangs mit Differenz.

In der zeitgenössischen brasilianischen Kunst findet auf vielfältige Weise ein Rückbezug auf das modernistische Konzept der kulturellen Anthropophagie statt. Eine vergleichende Analyse der zeitgenössischen Positionen von Ricardo Basbaum, Anna Maria Maiolino, Cildo Meireles, Ernesto Neto und Adriana Varejão legt dar, wie sich der Einfluss der Antropofagia in die heutigen Werke einschreibt und wie die Künstler/innen das Programm de Andrades auf differenzierte Weise weiterentwickeln und aktualisieren. Damit benennt das Forschungsprojekt ein wichtiges Charakteristikum im aktuellen Kunstschaffen Brasiliens und leistet einen Beitrag zu einer dezentrierten, transkulturellen Kunstgeschichtsschreibung.